Maksym Butkevych über Gefangenschaft, Propaganda und die wahre Bedeutung von Freiheit

Notizen von einer Podiumsdiskussion an der Universität Basel, 20. März 2026
Ein Abend mit Maksym Butkevych: Ukraine – vier Jahre Krieg. Was bedeutet Freiheit?
Als das Publikum den Saal betrat, saß Maksym Butkevych bereits auf dem Podium. Ein ruhiger, fast unscheinbarer Mann – mit einem stillen, eindringlichen Blick. Er spricht leise, ohne Pathos. Und genau deshalb trifft jedes Wort ins Schwarze.
Journalist, Menschenrechtsaktivist, Aktivist, Soldat, Kriegsgefangener – und seit Oktober 2024 ein freier Mann.
Vom Antimilitaristen zum Soldaten
Butkevych hat sein Leben dem Kampf gegen Gewalt gewidmet – als Journalist, als Aktivist der Maidan-Revolution von 2013 und als Menschenrechtsverteidiger. Als Russland im Februar 2022 einmarschierte, meldete er sich freiwillig zur Armee. Das sei kein Widerspruch, sagt er: „Man muss kein schlechtes Gewissen wegen Gewalt haben, wenn man sich verteidigt.“
Gefangenschaft und das Schweigen der Familien
Im Juni 2022 wurde er von russischen Truppen gefangen genommen. In einem Schauprozess wurde er zu 13 Jahren Haft in einer Strafkolonie verurteilt. Im Oktober 2024 wurde er im Rahmen eines Gefangenenaustauschs freigelassen – dank internationalen Drucks, unter anderem durch das maßgebliche Engagement des European Civic Forum.
Er sprach offen und konkret über seine Gefangenschaft. Die Gefangenen wurden systematisch psychisch gebrochen: Sie wurden gezwungen, die russische Nationalhymne zu singen, Gräueltaten zu wiederholen und Aussagen zu machen, die der Propaganda entsprachen. Wer sich weigerte, wurde körperlich gefoltert. Manche, sagte er leise, sogar bis zum Tod.
Er sprach auch über die anderen: zivile Gefangene – Menschen, die ohne Anklage, ohne Gerichtsverfahren und ohne jeglichen Kontakt zu ihren Familien verschwinden. Schätzungen zufolge befinden sich derzeit zwischen 2.000 und 16.000 Zivilisten in russischer Gefangenschaft. Ihre Familien schweigen aus Angst, selbst ins Visier zu geraten. Man hört kaum etwas darüber – und das ist beabsichtigt.
Propaganda – präzise, anpassungsfähig, gefährlich
Butkevych analysierte die russische Propagandastrategie mit beunruhigender Klarheit. Intern, innerhalb Russlands, legitimiert sie den Krieg und stellt ihn als Verteidigungskampf gegen den Westen dar. Extern, hier im Westen, passt sie sich ihrem Publikum an: Konservative erhalten Argumente gegen die EU und liberale Werte; ein linksgerichtetes Publikum erhält Argumente gegen den Amerikanismus und die Globalisierung. Die Botschaft bleibt dieselbe – nur die Sprache ändert sich.
„Die Wahrheit ist nicht relativ“, sagte er. „Die Wahrheit ist nicht das, was gesagt wird. Sie ist das, was existiert.“ Und Russland ist in die Ukraine einmarschiert. Der Saal applaudierte.
Er räumte zudem ein, dass selbst die Ukrainer nicht immun gegen Propaganda sind – eine schmerzhafte und ehrliche Feststellung. Wie überall sonst haben auch in der ukrainischen Gesellschaft Verschwörungstheorien Einzug gehalten. Dies macht die Arbeit der Aktivisten umso dringlicher.
Freiheit – gelebt, nicht nur theoretisch
Er sprach von Freiheit nicht als einem politischen Konzept, sondern als einer physischen, existenziellen Erfahrung. Diejenigen, die wirklich inhaftiert waren – ohne Fluchtmöglichkeit, ohne Stimme, ohne Würde – wissen, was dieses Wort bedeutet. „Ohne Freiheit gibt es keine Gerechtigkeit“, sagte er. „Ohne Gerechtigkeit entscheidet der Staat – nicht das Volk.“
Er erinnerte daran, dass Menschenrechte eine der jüngsten Errungenschaften der Geschichte sind – kaum drei Generationen alt, zerbrechlich und niemals garantiert. „Wenn wir diese Werte vergessen, wird die ganze Welt wie Russland werden.“ Keine Drohung. Nur eine stille, unerschütterliche Überzeugung.
Woher kommt Stärke?
Aus dem Publikum kam die Frage: Wie schaffen Sie das? Wie bleiben Sie stark? Seine Antwort war frei von jeglichem Heldentum: „Die Menschen haben Angst. Natürlich haben sie Angst. Niemand ist dafür geschaffen, zu kämpfen.“ Aber die Ukraine hatte keine Wahl – während des Maidan, im Jahr 2014, im Jahr 2022. Jedes Mal stand alles auf dem Spiel. Jedes Mal entschieden sie sich für den Widerstand. Und jedes Mal hat diese Erfahrung die Solidarität gestärkt.
Was die zunehmende Gleichgültigkeit in Europa angeht, äußerte er sich unmissverständlich: „Die Ukraine verteidigt nicht ukrainische Werte. Sie verteidigt universelle Werte – Ihre Werte. Und jetzt ist der richtige Zeitpunkt.“ Erneut Applaus.
Der Westen – Dankbarkeit und offene Fragen
Butkevych brachte dem Westen seine aufrichtige Dankbarkeit zum Ausdruck – ohne die Unterstützung des Westens hätte die Ukraine diese vier Jahre nicht überstanden. Doch er sprach auch Klartext: Die Unterstützung im Jahr 2022 kam zu spät und war zu begrenzt. Der jüngste Kurswechsel in der US-Politik lässt ihn und viele andere ratlos zurück.
„Wir verstehen nicht, warum. Wir fragen uns, auf welcher Seite sie stehen.“ Hunderte Millionen Menschen in Osteuropa, die der NATO vertraut haben, fühlen sich nun im Stich gelassen – zwischen dem Westen und Russland, unsicher, ob sie noch von irgendjemandem wahrgenommen werden.
Ein Zeuge, der immer wieder das Wort ergreift
Maksym Butkevych reist um die Welt und hält Vorträge. Gemeinsam mit anderen ukrainischen Aktivisten versucht er, die öffentliche Meinung, Entscheidungsträger und uns alle zu beeinflussen. Das wurde an diesem Abend deutlich.
Das Motto seines Radiosenders lautet nach wie vor:
„Hör zu – denk nach!“
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